Definition in einem Satz: Cybertrading Fraud ist Anlagebetrug über gefälschte Online-Handelsplattformen, auf denen Opfer scheinbar mit Aktien, Devisen oder Kryptowährungen handeln, während das eingezahlte Geld nie investiert wird und die angezeigten Kurse und Gewinne von den Tätern gesetzt werden.1

Der Begriff stammt aus der deutschen Ermittlungspraxis. International heißt dasselbe Phänomen Investment Fraud oder Online Trading Fraud. In der Polizeilichen Kriminalstatistik läuft es unter Anlagebetrug nach § 263 StGB, Schlüssel 513200, ohne eigenes Merkmal.2

Cybertrading Fraud und Pig Butchering teilen Infrastruktur, Geldwäschepfade und oft dieselben Compounds. Der Unterschied liegt im Einstieg: Pig Butchering beginnt mit einer Beziehung, Cybertrading Fraud mit einer Anzeige. Wer beides als ein Geschäftsmodell mit zwei Vertriebskanälen versteht, hat den Kern verstanden.3

01 | Die Werbekette

Alles beginnt mit einer Anzeige. Ein bekanntes Gesicht aus Fernsehen oder Politik erzählt in einem angeblichen Interview, wie es mit einer Handelssoftware reich geworden sei. Die Seite sieht aus wie ein Nachrichtenportal. Die Kommentare darunter sind gefälscht. Ein Formular fragt nach Name, Telefonnummer und E-Mail-Adresse.

Diese Leads werden gehandelt. Europol beschreibt im IOCTA 2026 Malvertising als zentralen Treiber des großvolumigen Anlagebetrugs: Kriminelle Affiliate-Vermarkter missbrauchen große Plattformen und legitime Werbenetzwerke, um Betrügern hinter einer Fassade von Seriosität große Mengen potenzieller Opfer zuzuführen. Dieselbe Quelle beschreibt, wie Callcenter inzwischen KI-generierte Gesprächsskripte nutzen und Sprach-Bots einsetzen, um Opfer in industriellem Umfang vorzusortieren, bevor ein Mensch übernimmt.5

Der Anruf kommt schnell, oft innerhalb weniger Minuten nach dem Absenden des Formulars. Die Geschwindigkeit hat einen Grund: Der Impuls, der zum Ausfüllen geführt hat, soll noch wirken.6

02 | Das Callcenter

Der erste Anrufer ist freundlich, spricht gutes Deutsch und fragt viel. Beruf, Einkommen, Ersparnisse, Erfahrung mit Geldanlage. Das ist keine Beratung. Das ist die Qualifizierung des Leads. Wer viel hat und wenig weiß, wird an einen „Senior Broker“ weitergereicht.

Die Ersteinzahlung ist ein niedriger dreistelliger Betrag. Die Höhe ist bewusst gewählt. Sie soll die Hürde senken und eine Kundenbeziehung begründen. Danach bekommt das Opfer einen persönlichen Betreuer, der täglich anruft, Kurse kommentiert und „Chancen“ meldet. Das Skript ist über Jahre optimiert: Erst kleine Gewinne, dann eine „einmalige Gelegenheit“, dann der Vorschlag, einen Kredit aufzunehmen oder die Lebensversicherung aufzulösen, weil die Rendite den Zins übersteige.1, 6

Wer aussteigen will, bekommt einen anderen Anrufer. Wer droht, bekommt Verständnis und einen Bonus. Wer weint, bekommt Zeit. Alles davon steht im Skript.

03 | Die Plattform

Die Handelsoberfläche ist echt in dem Sinne, dass sie funktioniert. Kurse laufen, Charts bewegen sich, Positionen öffnen und schließen. Was fehlt, ist die Verbindung zu einem Markt. Kein Euro wird investiert. Die Software zeigt an, was der Betreiber eingestellt hat. Gewinne, solange eingezahlt wird. Verluste, sobald eine Auszahlung verlangt wird, oder eine Sperre wegen angeblicher „Verifizierung“, „Steuern“ oder „Geldwäscheprüfung“.1

Viele dieser Plattformen laufen auf derselben Software unter wechselnden Markennamen. Wer die Verbraucherwarnungen der BaFin über Monate liest, findet Plattformen mit identischem Aufbau unter immer neuen Namen. Wird eine Domain gesperrt, steht die nächste bereit. Für Ermittler heißt das: Der Markenname der Plattform ist die am wenigsten nützliche Information im Fall. Die Zahlungswege sind die nützlichste.7

04 | Der Geldweg

Lange lief Cybertrading Fraud überwiegend über Überweisungen an Konten im Ausland, über Kreditkarten und Zahlungsdienstleister. Seit einigen Jahren verschiebt sich der Geldweg in Richtung Kryptowährung. Der Grund ist derselbe wie bei Pig Butchering: Eine Überweisung lässt sich zurückrufen, ein bestätigter Transfer auf der Chain nicht.4

Der typische Weg heute: Das Opfer wird angewiesen, an einer regulierten Börse Kryptowährung zu kaufen, meist USDT oder Bitcoin, und an eine Adresse zu senden. Oder es überweist Euro an einen Finanzagenten, der den Tausch übernimmt. Von dort laufen die Werte in Sammelwallets, werden über Chain Hopping und Peel Chains verschleiert und über OTC-Desks und Guarantee-Marktplätze ausgezahlt. Chinesischsprachige Geldwäschenetzwerke übernehmen den letzten Schritt gegen Provision.3, 8

Drei vertiefende Beiträge auf dieser Seite: zur Geldwäscheinfrastruktur, zum Ende des Krypto-Tresors und zum Prince-Komplex.

05 | Cybertrading Fraud und Pig Butchering: ein Modell, zwei Kanäle

Cybertrading FraudPig Butchering
EinstiegWerbung, Lead-Formular, AnrufPersönliche Nachricht, Beziehungsaufbau
Dauer bis zur ersten EinzahlungTageWochen
Betreuung„Broker“ per Telefon„Partner“ per Chat
PlattformHandelssoftware unter wechselnden MarkenKrypto-App oder Website
GeldwegÜberweisung, Karte, zunehmend Kryptofast ausschließlich Krypto
TäterstrukturCallcenter mit wechselnden StandortenCompounds Südostasien, zunehmend global
PKS-Schlüssel513200513200

Beide Kanäle enden im selben Geldwäschesystem. Die Analyse Ein Geschäftsmodell, eine Infrastruktur, drei Etiketten führt das aus.3

06 | Die Zahlen für Deutschland

Die deutschen Zahlen kommen aus zwei Tabellenwerken, die getrennt gelesen ein falsches Bild ergeben.

KennzahlPKS-InlandPKS-Ausland
Fälle Anlagebetrug 20244.54016.156
Fälle Anlagebetrug 20253.974 (minus 12,5%)28.465 (plus 76,2%)
Anteil Tatmittel Internet 202555%91%
Registrierter Schaden 2025237,8 Mio. Euro1.277,8 Mio. Euro
Aufklärungsquote 2025siehe Beitrag vom 31.08.20264,2%

Quelle: BKA, PKS 2025 und 2024, Tabellen 01, 01-A, 054, 054-A, 07_BKA, 07-A, Schlüssel 513200.2 Die Kerntabelle sagt: Anlagebetrug geht zurück. Die Auslandstabelle sagt: Er hat sich fast verdoppelt. Beide haben recht, weil sie unterschiedliche Fälle zählen. In der Kerntabelle steht nur, wer nachweislich im Inland gehandelt hat. Cybertrading Fraud ist praktisch nie eine Inlandstat. Der Beitrag Wenn die Täter im Ausland sitzen erklärt die Erfassungslogik im Detail.

Das Bundeslagebild Cybercrime 2025 des BKA bestätigt das Muster für den gesamten Deliktsbereich: 207.888 Auslandstaten stehen 126.034 Inlandstaten gegenüber. Die Aufklärungsquote der Auslandstaten liegt bei 2,0 Prozent.9

Die Datensätze zu dieser Tabelle stehen unter Material zum Download bereit, mit Quellenangabe und CC-BY-Lizenz.

07 | Warnsignale

  1. Die Anlage wurde in einer Anzeige mit einem Prominenten beworben.
  2. Nach dem Ausfüllen eines Formulars kam innerhalb einer Stunde ein Anruf.
  3. Der „Broker“ ruft täglich an oder schreibt über WhatsApp.
  4. Die Ersteinzahlung war niedrig und zeigte sofort Gewinn.
  5. Die Plattform ist nicht in der Unternehmensdatenbank der BaFin zu finden, oder die BaFin hat vor ihr gewarnt.7
  6. Es wurde vorgeschlagen, einen Kredit aufzunehmen oder eine Versicherung aufzulösen.
  7. Eine Fernwartungssoftware sollte installiert werden, „um bei der Einzahlung zu helfen“.
  8. Die Auszahlung scheitert an Gebühren, Steuern oder einer Verifizierung.
  9. Nach dem Verlust bietet jemand an, das Geld gegen Vorkasse zurückzuholen.

Drei Ja reichen. Dann kein Geld mehr überweisen. Der Risiko-Check führt durch dieselben Fragen.

08 | Was Betroffene tun

Sofort: Zahlungen stoppen. Fernwartungssoftware deinstallieren, Passwörter für das Onlinebanking ändern. Bank und Kreditkartenanbieter informieren, Rückbuchung prüfen. Bei Kryptokäufen: Börse informieren, Transaktions-IDs und Zieladressen sichern.

Innerhalb von 24 Stunden: Anzeige mit allen Zahlungsdaten. Bei Überweisungen ins Ausland kann die Bank noch versuchen, das Geld zurückzurufen. Bei Kryptotransfers zählt die Zeit bis zur Freeze-Anfrage.

Danach: Keinen Rückholdienst mit Vorkasse beauftragen. INTERPOL beschreibt die zweite Viktimisierung durch angebliche Anwälte, Rückholagenten und Behörden als festen Bestandteil des Modells.10

Zur Anzeigebereitschaft: Das UNODC-Handbuch zur Betrugskommunikation von 2026 fordert, Betroffene als Ziel professioneller Manipulation zu behandeln, damit Scham die Anzeige nicht verzögert. Jede Woche Verzögerung senkt die Sicherungschance.11

09 | Was Banken und Compliance tun können

Das Muster ist in Kontodaten sichtbar: Überweisung an einen Zahlungsdienstleister oder eine Kryptobörse mit Verwendungszweck „Trading“, „Invest“ oder einer Kundennummer; danach steigende Beträge im Wochenrhythmus; Kreditanfrage oder Auflösung eines Sparvertrags ohne erkennbaren Anlass; Überweisungen an Privatkonten im In- und Ausland.

Was wirkt: die Rückfrage vor Ausführung, wenn eine Kundin erstmals vierstellig an eine Kryptobörse überweist; die Verdachtsmeldung mit Transaktions-IDs und Zieladressen; und ein fester Ansprechpartner für die Strafverfolgung, der Kontodaten innerhalb von Stunden liefert, wenn ein Freeze läuft. Die FIU hat mit dem Anhaltspunktepapier zu alternativen Zahlungsmethoden 2026 die Erwartung an den Krypto-Bezug in Meldungen konkretisiert.12

10 | Was Ermittler brauchen

Ermittlung ohne Systemverständnis ist Schadensverwaltung. Bei Cybertrading Fraud heißt das:

Vom Plattformnamen zum Zahlungsweg. Die Marke ist austauschbar, der Geldweg nicht. Konten von Finanzagenten, Wallet-Adressen und Börsenkonten sind die Ansatzpunkte, die Fälle verbinden.

Bündelung. Hundert Anzeigen gegen hundert Plattformnamen sind oft ein Netzwerk. Wer Zieladressen und Empfängerkonten zentral erfasst, sieht es.

Internationale Anschlussfähigkeit. Operation HAECHI VI hat in vier Monaten 439 Millionen US-Dollar gesichert, weil 40 Länder dieselben Datenformate verwendet haben.13

Alle Inhalte sind rein privater Natur. Ich schreibe hier als unabhängiger Experte und Publizist (Art. 5 GG). Meine Beiträge sind keine offiziellen Stellungnahmen einer Behörde.

Änderungsprotokoll
  • 2. September 2026: Erstfassung als Grundlagenseite. Die Kurz-URLs /cybertrading-fraud und /anlagebetrug führen ab jetzt hierher. Die Statistikanalyse Wenn die Täter im Ausland sitzen bleibt der Datenbeitrag dazu.

Quellenverzeichnis

1 BaFin: Verbraucherwarnungen und Hinweise zu unseriösen Online-Trading-Plattformen. bafin.de; Europol: Pressemitteilungen zu Operationen gegen Callcenter-Netzwerke im Anlagebetrug. europol.europa.eu
2 BKA: PKS 2025, Tabellen 01, 01-A, 054, 054-A, 07_BKA, 07-A (Schlüssel 513200). Auswertung und Downloadlinks in: Kremp, T. (2026): Wenn die Täter im Ausland sitzen, digitale-enteignung.de, 31.08.2026.
3 Kremp, T. (2026): Ein Geschäftsmodell, eine Infrastruktur, drei Etiketten, digitale-enteignung.de, 07.07.2026, mit den dort genannten Primärquellen (DOJ, OFAC, FinCEN, FATF, Elliptic).
4 Kremp, T. (2026): Das Ende des Krypto-Tresors, digitale-enteignung.de, 26.04.2026, mit Tether-Transparenzberichten und Circle-Statements.
5 Europol (2026): Internet Organised Crime Threat Assessment (IOCTA) 2026, Kapitel 2 „The criminal infrastructure behind online fraud schemes“, S. 16 bis 21 (Malvertising, Affiliate-Vermarkter, KI-generierte Skripte, Sprach-Bots). PDF: europol.europa.eu
6 Verbraucherzentrale: Warnungen zu Online-Trading-Betrug und Fake-Prominentenwerbung. verbraucherzentrale.de
7 BaFin: Unternehmensdatenbank und Verbraucherwarnungen. portal.mvp.bafin.de
8 FATF (2023): Illicit Financial Flows from Cyber-Enabled Fraud. fatf-gafi.org
9 BKA: Bundeslagebild Cybercrime 2025, Kapitel 2. bka.de
10 INTERPOL (2026): Global Financial Fraud Threat Assessment 2026, Abschnitt Investment Fraud. interpol.int
11 UNODC (2026): Handbook on Effective Communication Strategies for the Prevention of Organized Fraud. Einordnung in: Kremp, T. (2026): Vom naiven Opfer zum manipulierten Ziel.
12 FIU: Anhaltspunktepapier Alternative Zahlungsmethoden und neue Technologien, Juli 2026; FIU: Jahresbericht 2025. Einordnung in: Kremp, T. (2026): Wenn aus Betrug Geldwäsche wird.
13 INTERPOL (2026), Kasten Operation HAECHI VI (April bis August 2025).