01 | Zusammenfassung und Einführung
Die vorliegende Untersuchung widmet sich einem der wohl komplexesten und weitreichendsten Kriminalfälle der jüngeren südostasiatischen Wirtschaftsgeschichte: dem Aufstieg und Fall der Prince Holding Group (im Folgenden „Prince Group").
Über ein Jahrzehnt hinweg präsentierte sich dieses Konglomerat als strahlendes Musterbeispiel für den wirtschaftlichen Aufschwung Kambodschas, tief verwurzelt in den Sektoren Immobilien, Bankwesen, Tourismus und Philanthropie. Doch hinter der glitzernden Fassade der Hochhäuser in Phnom Penh und den Luxusresorts in Sihanoukville verbarg sich nach den Vorwürfen US-amerikanischer und britischer Behörden eine der mächtigsten transnationalen kriminellen Organisationen der Welt; das US-Finanzministerium stufte die Gruppe als Transnational Criminal Organization (TCO) ein.[6]
Die Analyse stützt sich auf die Auswertung von Primärquellen, darunter Anklageschriften des US-Justizministeriums (DOJ)[24], Sanktionslisten des US-Finanzministeriums (OFAC)[6] und des britischen Außenministeriums (FCDO)[18], Berichte von Nichtregierungsorganisationen sowie verifizierte Medienberichte.
Im Kern dokumentiert dieser Bericht die Dualität eines Unternehmens, das einerseits ein Ausbildungszentrum für Uhrmacher betrieb[16] und eine Stiftung unterhielt[15], während ihm US- und britische Behörden vorwerfen, zugleich Zwangsarbeitslager betrieben zu haben, in denen Hunderte Menschen zu Cyberbetrug gezwungen worden sein sollen.[18][24]
Der Fall der Prince Group ist zugleich eine Fallstudie über State Capture, die Risiken unregulierter Kryptomärkte und die geopolitischen Verwerfungen, die durch Chinas „Belt and Road"-Initiative in institutionell schwachen Staaten entstehen können.[23]
Der Bericht zeichnet den Weg des Gründers Chen Zhi nach, vom Betreiber eines Internetcafés in China zum Berater des kambodschanischen Premierministers, bis hin zu seiner Verhaftung und Auslieferung nach China am 6. Januar 2026.[7][8]
02 | Historische Genese und geopolitischer Kontext
02.1 | Der Nährboden: Kambodscha und die chinesische Expansion
Ab den frühen 2010er Jahren öffnete sich Kambodscha aggressiv für chinesisches Kapital. Im Zuge der „Belt and Road"-Initiative (BRI) flossen Milliarden in die Infrastruktur des Landes.[23] Doch neben legitimen Investitionen zog dieses Umfeld auch Akteure an, die die schwachen rechtsstaatlichen Strukturen, die weit verbreitete Korruption und die Dollar-basierte Wirtschaft Kambodschas für illegale Zwecke nutzten.[1]
Sihanoukville, einst ein verschlafener Küstenort, transformierte sich binnen weniger Jahre in ein Zentrum für Casinos und später für Online-Glücksspiel und Cyberbetrug, getrieben auch durch Investitionen von Gruppen wie der Prince Group.[23]
02.2 | Chronologie des Aufstiegs
Die formale Gründung der Prince Real Estate Group im März 2015 markierte den Beginn einer beispiellosen Expansion.[2] Die Zeitleiste zeigt eine Parallele. Die Vorwürfe der US-Behörden betreffen Jahre, in denen Chen Zhi hohe politische Beratungsfunktionen innehatte; 2020 wurde er Berater des Premierministers.[4][24]
03 | Unternehmensstruktur: Das Duale System
Die Prince Holding Group war ein weit verzweigtes Netzwerk. OFAC sanktionierte 117 verbundene Firmen, die meisten davon Offshore-Briefkastenfirmen ohne erkennbaren Geschäftsbetrieb.[6]
03.1 | Die legitime Fassade: Immobilien und Finanzen
Als Keimzelle des Konzerns entwickelte die Prince Real Estate Group einige der markantesten Gebäude in Phnom Penh. Das Portfolio umfasste Luxuswohnanlagen und kommerzielle Zentren wie die „Prince Central Plaza".[2] Nach den Vorwürfen der Behörden dienten Immobilienprojekte der Gruppe zugleich der Geldwäsche.[19][24]
Zur Gruppe gehörte auch die Prince Bank. Sie startete 2015 als Mikrofinanzinstitut und erhielt im Juli 2018 eine Banklizenz.[3]
Die Nationalbank von Kambodscha ordnete am 8. Januar 2026, zwei Tage nach der Festnahme des Gründers, die Liquidation an.[9][10]
Die Gruppe investierte zudem in Stiftungsarbeit. Die Prince Foundation nennt auf ihrer Website kumulierte Spenden von 14 Millionen US-Dollar.[15] Solche Aktivitäten können dem „Reputation Laundering" dienen: Die Förderung von Bildung und Sport schafft gesellschaftliche Akzeptanz und politische Nähe.[14]
03.2 | Die Schattenstruktur: Casinos und Compounds
Die Jin Bei Group betrieb in Sihanoukville nach Angaben des britischen Außenministeriums unter anderem ein siebenstöckiges Hotel mit Casino.[19] Medienberichte und Forschung verweisen auf enge Verbindungen der Gruppe zur politischen Elite des Landes.[1][4]
Den „Golden Fortune Science and Technology Park" bezeichnet das britische Außenministerium als großen Scam Compound; der Betreiber wurde wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen sanktioniert. Nach OFAC schilderten Anwohner gegenüber Journalisten schwere Misshandlungen; Medien berichteten zudem über Zwangsarbeit in der Anlage.[6][18][19][20]
04 | Der Architekt: Neak Oknha Chen Zhi
Geboren am 16. Dezember 1987 in der chinesischen Provinz Fujian[18], begann Chen seine Karriere bescheiden. Nach Medienberichten betrieb er in jungen Jahren ein Internetcafé.[22]
Chen erwarb mehrere Staatsbürgerschaften:[1][18]
- Kambodscha: Einbürgerung im Februar 2014.
- Zypern: EU-Pass durch das (inzwischen eingestellte) Investorenprogramm im Jahr 2018.
- Vanuatu: Weiterer Pass.
Mehrere Staatsbürgerschaften erleichtern es, zwischen Rechtsordnungen auszuweichen.[1]
Chen Zhi war eng mit dem kambodschanischen Staat verbunden. Ab 2017 diente er als Berater von Innenminister Sar Kheng. 2020 erreichte er den Zenit seiner Macht mit der Ernennung zum Berater von Premierminister Hun Sen.[4]
05 | Die Maschinerie des Betrugs: „Pig Butchering"
Nach der Anklage des US-Justizministeriums war das operative Kerngeschäft der Prince Group der sogenannte „Pig Butchering"-Betrug (chinesisch: Sha Zhu Pan). Diese Betrugsform kombiniert Liebesbetrug mit Anlagebetrug und zeichnet sich durch ihre Langfristigkeit und psychologische Raffinesse aus. Die Anklage beschreibt das Vorgehen so:[24]
- Die Kontaktaufnahme: Die Prince Group betrieb riesige „Phone Farms" mit Tausenden von Mobiltelefonen. Opfer weltweit wurden über Messenger und soziale Medien kontaktiert.
- Das „Mästen" (Grooming): Über Wochen bauten Betrüger, oft Zwangsarbeiter, die strengen Skripten folgten, eine intime Beziehung zum Opfer auf.
- Die Falle: Das Gespräch wurde auf Krypto-Investitionen gelenkt. Opfer wurden auf gefälschte Handelsplattformen (z.B. Byex Exchange) gelockt.
- Das „Schlachten": Anfangs wurden kleine Gewinne ausgezahlt. Sobald das Opfer große Summen investiert hatte, fror die Plattform das Konto ein.
Laut DOJ verschleppte die Gruppe Hunderte Arbeiter in die Compounds. Allein ein Netzwerk in Brooklyn soll Gelder von mehr als 250 Geschädigten in den USA gewaschen haben.[24]
Das DOJ reichte eine zivilrechtliche Einziehungsklage über 127.271 Bitcoin ein, die bereits in US-Verwahrung waren, zum Zeitpunkt der Klageeinreichung rund 15 Milliarden US-Dollar; nach Angaben des Ministeriums die größte Einziehungsklage seiner Geschichte.[24]
06 | Die Infrastruktur der Gewalt: Scam Compounds
Laut OFAC betrieb die Prince Group in Kambodscha mindestens zehn Scam Compounds.[6] Berichte Betroffener aus Compounds in Kambodscha beschreiben die Bedingungen:
- Benjamin und seine Frau (Malaysia): Ein Berater für Softwaresicherheit geriet mit seiner Frau in einen abgeriegelten Komplex in Kambodscha. Stacheldraht und Kameras ließen ihn wie ein Gefängnis wirken. Beide sollten am Telefon Bankdaten erschleichen.[26]
- Abdus Salam (Bangladesch): Ein Textilingenieur, der mit dem Versprechen eines Computerjobs gelockt wurde, musste unter Androhung von Gewalt Online-Betrug begehen.[27]
- Der thailändische Teenager: Nach einem Reuters-Bericht sprang ein thailändischer Teenager bei einem Fluchtversuch aus dem achten Stock eines Scam Compounds in Kambodscha. Er überlebte schwer verletzt.[21]
DOJ und OFAC beschreiben Schläge, Isolation und Bewegungsbeschränkung als Mittel der Kontrolle. Beschäftigte berichteten Radio Free Asia zudem von Elektroschocks.[6][20][24]
07 | Das Finanzökosystem: Geldwäsche auf industriellem Niveau
Um die Herkunft zu verschleiern, nutzte die Gruppe laut DOJ-Anklageschrift „Spraying"- und „Funneling"-Techniken, bei denen große Krypto-Mengen wiederholt auf viele Wallets verteilt und dann re-konsolidiert wurden.[24] Plattformen wie die firmeneigene Byex Exchange und die Huione Group, die FinCEN als primäres Geldwäscherisiko eingestuft hat, sollen eine zentrale Rolle bei der Konvertierung in Fiat-Währungen gespielt haben.[6][18]
Nach den Sanktionsbegründungen floss Geld in erstklassige Immobilien, vor allem in London. Das UK FCDO nannte folgendes Londoner Portfolio:[19]
- Villa an der Avenue Road in Nordlondon, Wert: 12 Millionen Pfund
- Bürogebäude in der Fenchurch Street, City of London, Wert: 100 Millionen Pfund
- 17 Wohnungen in der New Oxford Street sowie in Nine Elms, Südlondon
In früheren Fassungen dieses Berichts wurde das Zitat „sophisticated financial ecosystem" fälschlich dem US-Finanzministerium (OFAC) zugeschrieben. Die Formulierung stammt aus der Pressemitteilung des britischen FCDO vom 14. Oktober 2025; das OFAC-Dokument enthält sie nicht. Der betreffende Satz ist in dieser Fassung entfallen.
08 | Die Zerschlagung: Chronik eines angekündigten Falls
Am 14. Oktober 2025 erfolgte der koordinierte Schlag. In einer gemeinsamen Aktion verhängten die USA und Großbritannien Sanktionen:[6][18][24]
- US-Maßnahmen: Das OFAC sanktionierte die Prince Group als transnationale kriminelle Organisation und setzte 146 verbundene Entitäten und Personen auf die SDN-Liste.
- UK-Maßnahmen: Großbritannien fror die benannten Unternehmen und Londoner Immobilien mit sofortiger Wirkung ein.
- Die Anklage: Das US-Justizministerium (Eastern District of New York) veröffentlichte eine Anklageschrift wegen Verschwörung zum Überweisungsbetrug und Verschwörung zur Geldwäsche. Eine Anklage ist ein Vorwurf; für Chen Zhi gilt die Unschuldsvermutung.
Im Dezember 2025 wurde Chen Zhis Staatsbürgerschaft widerrufen.[7] Am 6. Januar 2026 erfolgte der Zugriff: Chen Zhi wurde verhaftet und an China ausgeliefert.[7][8] Am 8. Januar 2026 ordnete die Nationalbank von Kambodscha die Liquidation der Prince Bank an.[9][10]
09 | Schlussfolgerung und Ausblick
Der Fall der Prince Holding Group ist ein Symptom für die Vulnerabilität kleinerer Staaten im globalen Gefüge von Kapital und Geopolitik. Das US Institute of Peace schätzt die Erträge aus Cyberbetrug in Kambodscha auf über 12,5 Milliarden US-Dollar im Jahr, etwa die Hälfte des formalen Bruttoinlandsprodukts.[23]
Global zeigt der Fall, dass selbst ausgefeilte Strukturen der Geldwäsche und politische Protektion keinen dauerhaften Schutz bieten, wenn die großen Mächte ihre Interessen koordinieren. Für die Opfer sind Sanktionen, Anklage und Einziehungsklage nur ein erster Schritt; ein Urteil steht aus, und die Rückgewinnung der Vermögenswerte wird Jahre dauern.[29]
„Der ‚Prince-Komplex' bleibt als Warnung bestehen: Wo Rechtsstaatlichkeit käuflich ist und globale Finanzströme intransparent bleiben, können kriminelle Organisationen zu geopolitischen Akteuren aufsteigen, deren Macht die von Staaten herausfordert."
Abgleich mit den Primärquellen: Die Zahl der Betroffenen folgt jetzt der Anklage (Hunderte Beschäftigte), Angaben zu Golden Fortune, Jin Bei, Londoner Immobilien und den Maßnahmen Großbritanniens stützen sich auf die Pressemitteilung des britischen Außenministeriums (neue Quelle 19). Nicht belegte Einzelheiten zur Prince Bank, zu Firmensitzen, Casinos und zu einzelnen Opferberichten wurden entfernt oder an die Quellen angepasst; der Bericht von Reuters über den thailändischen Jugendlichen nennt keinen Komplex der Gruppe.
Vorwürfe aus Anklage, Einziehungsklage und Sanktionsbegründungen sind als solche gekennzeichnet; ein Urteil liegt nicht vor, für Chen Zhi gilt die Unschuldsvermutung. Die 127.271 Bitcoin sind Gegenstand einer Einziehungsklage über bereits verwahrte Werte.