Titelbild MANIPULIERT. Newsletter 10/26. Auf schwarzem Grund ein rot leuchtendes Telefon mit Wählscheibe, deren Ring das Markenzeichen bildet. Daneben die Worte: Ein Anruf. 95 Mio. €. Die geliehene Stimme.
Ein Anruf, eine geliehene Stimme, 95 Millionen Euro. Symbolbild: Tobias Kremp / MANIPULIERT.

Im Februar erhielt der damalige Präsident von Fideuram, der Privatbank-Tochter von Intesa Sanpaolo, eine WhatsApp-Nachricht. Sie schien von Carlo Messina zu stammen, dem Vorstandschef des Konzerns. Er bat um dringende Hilfe bei einer Auslandstransaktion.1

Kurz darauf meldete sich ein Seniorpartner einer bekannten Kanzlei am Telefon und bestätigte den Auftrag. Nach Angaben von Quellen, auf die sich Reuters beruft, stammte seine Stimme aus einer KI. Die Finanzabteilung schickte daraufhin eine Serie von Überweisungen auf Konten vor allem in China und Hongkong. Zusammen rund 95 Millionen Euro.1

Fideuram bemerkte die Unregelmäßigkeiten schnell und alarmierte Banken und Behörden in mehreren Ländern. Etwa 53 Millionen Euro holten Stellen in China, Portugal und Italien gemeinsam zurück, rund 36 weitere gelten als unauffindbar. Dieses Geld lief über ein Netz ausländischer Konten und wurde in Kryptowerte getauscht. Intesa und Fideuram äußern sich nicht, die Staatsanwaltschaft Mailand ermittelt.1

Das Verfahren bewerte ich nicht. Mich interessiert die Mechanik, die der Fall offenlegt: wie die Täuschung gebaut ist, warum sie sich für Täter rechnet und an welcher Stelle das Geld unerreichbar wird.

01 | Die Kontrolle wurde mitgefälscht

Wer Zahlungen freigibt, lernt früh eine Regel: Lass dir ungewöhnliche Aufträge bestätigen. Genau diese Regel haben die Täter eingeplant. Die Bitte kam vom vermeintlichen Konzernchef, die Bestätigung von einem angeblichen Anwalt.

Zwei Kanäle, zwei Personen, eine Inszenierung.

Das Grundmuster ist Alltag. Business E-Mail Compromise, auch CEO-Betrug genannt, war in den vergangenen beiden Jahren die Betrugsform, die in der internationalen Polizeizusammenarbeit am häufigsten gemeldet wurde. Die meisten Meldungen kamen aus dem asiatisch-pazifischen Raum und aus Europa.2 Täter studieren vorab Hierarchien, Kommunikationsstil und Zahlungsgewohnheiten ihrer Ziele.3

Neu ist die Stimme. Im asiatisch-pazifischen Raum imitieren Täter in Fällen mit hohen Summen bereits Vorstände per Deepfake-Audio in Echtzeit-Telefonaten.4 Für einen überzeugenden Klon reichen zehn Sekunden Tonmaterial, etwa aus Beiträgen in sozialen Medien.5 Auch in Europa macht KI den CEO-Betrug realistischer.6

Für Kanzleien hat das eine unbequeme Folge. Jedes öffentliche Video eines Partners kann das Material liefern, mit dem sich seine Stimme kopieren lässt.

02 | Warum sich das rechnet

KI-gestützte Betrugsmaschen sind Schätzungen zufolge viereinhalbmal so profitabel wie Maschen ohne KI.5 Das weltweite Risiko durch Finanzbetrug gilt als hoch. Für die kommenden drei bis fünf Jahre zeichnet sich eine deutliche Eskalation ab, vor allem weil KI leicht verfügbar ist und der Einstieg wenig kostet.7

Zwischen Tätern und Strafverfolgung wächst eine Geschwindigkeitslücke. Die Angriffe kommen schneller, größer und persönlicher, als Ermittler nachziehen können.8

Die FATF zählt Betrug zu den größten Quellen krimineller Erträge.9 Im Februar hat sie einen Bericht vorgelegt, der KI-gestützte Deepfakes ausdrücklich zu den Methoden der Täter rechnet.10 Ab Mittwoch tagt ihre Vollversammlung, und die Arbeit an ihrem Fahrplan zu diesem Delikt steht erneut auf der Tagesordnung.9

Eine Masche, die so viel abwirft, lebt von einem Vorteil: Das Geld verschwindet schneller, als jemand reagiert.

03 | Das Rennen um das Geld

Bei Fideuram ging das Geld zuerst nach China und Hongkong. Das deckt sich mit dem typischen Weg aus Europa. Erlöse aus Betrug bleiben hier nur selten im jeweiligen Land. Sie laufen über Zwischenkonten, häufig in Südwest- und Südosteuropa, und fließen weiter zu Finanzplätzen in Ostasien und im Nahen Osten.11

Solange das Geld im Bankensystem liegt, lässt es sich noch anhalten. Bei Fideuram gelang das für mehr als die Hälfte, weil die Bank schnell Alarm schlug und Behörden in drei Ländern zusammenarbeiteten.1

Was Tempo wert ist, zeigt ein Fall aus Singapur. 2024 überwies eine Firma aus dem Stadtstaat nach einer gefälschten Lieferanten-Mail 42,3 Millionen Dollar nach Timor-Leste. Über den internationalen Stopp-Mechanismus I-GRIP fingen die Behörden vor Ort zunächst 39 davon ab.12 Solche schnellen Zahlungsstopps werden international ausdrücklich empfohlen.13

In Deutschland kann die FIU verdächtige Transaktionen vorübergehend untersagen. 2025 hat sie das 106 Mal getan, bei einem Volumen von rund 751,8 Millionen Euro. Mehr als drei Viertel davon entfallen auf eine einzige Anordnung. 55 dieser Sofortmaßnahmen folgten internationalen Hinweisen. Den Anstieg erklärt die FIU vor allem mit grenzüberschreitenden Betrugsfällen.14

Auch die FATF verlangt in ihren überarbeiteten Standards Instrumente, mit denen sich Zahlungen aussetzen oder einfrieren lassen.10 Alle diese Werkzeuge haben jedoch eine Voraussetzung: Das Geld muss noch auf einem Konto liegen.

04 | Wenn Bankgeld zu Krypto wird

Für rund 36 Millionen Euro aus dem Fall Fideuram ist diese Voraussetzung entfallen.1

Die FIU beschreibt genau diesen Schritt als erste Stufe der Geldwäsche mit Kryptowerten. Liegt der Ertrag einer Straftat noch nicht in Krypto vor, wird er zuerst umgewandelt.15 Danach beginnt die Verschleierung. Kriminelle lassen Werte über Brücken zwischen Blockchains springen, nutzen dezentrale Börsen und wählen Tauschdienste außerhalb der EU mit laxen Geldwäschestandards.16 Am Ende stehen Krypto-Bargeld-Schalter und Prepaid-Karten, über die das Geld zurück in die reale Wirtschaft fließt.17

Die Spur reißt dabei nicht ab. Jede Transaktion bleibt auf der Blockchain sichtbar.

Es wechselt der Hebel. Ein Rückruf bei der Empfängerbank greift hier nicht mehr. Wer jetzt noch etwas sichern will, braucht eine Börse, einen Stablecoin-Emittenten oder eine ausländische Behörde, die mitzieht. Und jemanden, der den Weg des Geldes über mehrere Chains hinweg lesen und belegen kann.

In diesem Moment entscheidet sich, ob aus einem Betrugsfall ein Rückholfall wird.

05 | Dieselbe Masche am Küchentisch

Die Technik, die einen Bankpräsidenten täuscht, kostet Täter wenig. Darknet-Märkte bieten Deepfakes als Dienstleistung an, mit Stimmklonen und Video-Avataren zu erschwinglichen Preisen.5

Dieselbe Technik landet in Privathaushalten. Aus europäischen Staaten kommen Berichte über Schockanrufe: Ein angeblicher Angehöriger hatte einen Unfall, sitzt in Haft oder braucht eine Operation, und das Geld muss sofort fließen.3 Hinzu kommen gefälschte Entführungen, bei denen KI-Bilder von Angehörigen ein Lösegeld erzwingen sollen.2

Das Muster gleicht dem Fall Fideuram bis ins Detail: eine vertraute Stimme, eine Notlage, keine Zeit zum Nachdenken.

Wer danach Geld zurückholen will, braucht Meldewege, Korrespondenzbanken und Behörden, die schnell handeln. Viele Betroffene melden sich gar nicht erst. Scham und die Angst, selbst als schuldig zu gelten, halten sie von einer Anzeige ab.18

Getäuscht wurde in diesem Fall ein Mann, dessen Beruf es ist, Risiken zu bewerten. Das sollte jedem den Gedanken nehmen, so etwas passiere nur Unvorsichtigen.

Alle Inhalte sind rein privater Natur. Ich schreibe hier als unabhängiger Experte und Publizist (Art. 5 GG). Meine Beiträge sind keine offiziellen Stellungnahmen einer Behörde.

Quellenverzeichnis

1 Emilio Parodi (Reuters): AI messaging scam costs Italy's top bank Intesa millions, sources say. 25.09.2026. Online: reuters.com
2 INTERPOL: Global Financial Fraud Threat Assessment 2026. 2. Ausgabe, Lyon, März 2026, S. 10. Online: interpol.int
3 INTERPOL (wie 2), Abschnitt „Europe“, S. 31.
4 INTERPOL (wie 2), Abschnitt „Asia and the Pacific“, S. 28.
5 INTERPOL (wie 2), Abschnitt „Technology and Artificial Intelligence“, S. 17. Die Schätzung zur Profitabilität stützt INTERPOL auf einen Bericht von Chainalysis vom 13.01.2026, die Angabe zu zehn Sekunden Tonmaterial auf eine Mitteilung von Group-IB vom 20.01.2026.
6 Europol: Internet Organised Crime Threat Assessment (IOCTA) 2026. Publications Office of the European Union, Luxemburg 2026, S. 18. Online: europol.europa.eu
7 INTERPOL (wie 2), „Key Findings“, S. 6, sowie „Global Risk Projections“, S. 21.
8 Europol (wie 6), Einleitung, S. 7.
9 FATF: FATF Week, October 2026. 20.10.2026. Online: fatf-gafi.org
10 FATF: Cyber-Enabled Fraud: Digitalisation and Money Laundering, Terrorist Financing and Proliferation Financing Risks. Paris, 24.02.2026. Online: fatf-gafi.org
11 INTERPOL (wie 2), Abschnitt „Europe“, S. 32.
12 INTERPOL (wie 2), Abschnitt „Asia and the Pacific“, S. 30.
13 INTERPOL (wie 2), „Recommendations“, S. 36.
14 Financial Intelligence Unit: Jahresbericht 2025. Köln, Juli 2026, S. 12 und 14. Online: zoll.de
15 Financial Intelligence Unit: Alternative Zahlungsmethoden und neue Technologien. Anhaltspunkte, Typologien sowie besondere Hinweise zur Geldwäschebekämpfung. Stand Juli 2026, S. 15. Veröffentlicht auf fiu.bund.de. Online: fiu.bund.de
16 Europol (wie 6), S. 14 f. und 37.
17 Europol (wie 6), S. 15.
18 INTERPOL (wie 2), „The Human Cost“, S. 14.