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Anhang B · Aus dem Nachschlagewerk

Die Betrugskette: vier Phasen, vier Interventionspunkte

B.3 · Anhang B: Kommunikation mit Geschädigten und Gefährdeten

Das Handbuch gliedert den Betrugsverlauf aus Sicht der geschädigten Person in vier Phasen: Annäherung, Täuschung, Transaktion und die Zeit danach. Der Zweck der Gliederung ist praktisch. Sie zeigt, an welcher Stelle wer etwas sagen kann und was dort wirkt.

Das Handbuch weist ausdrücklich darauf hin, dass der Verlauf nicht linear sein muss. Annäherung und Täuschung können gleichzeitig stattfinden, und Mischformen, etwa ein Beziehungsbetrug mit Anlagekomponente, verbinden mehrere Muster in einem Fall. Für die deutsche Praxis heißt das: Pig Butchering (I.1) ist im Sinne dieser Systematik eine Mischform, bei der die Phasen ineinandergreifen.

Phase 1: Annäherung

Der Täter besetzt Räume, in denen er Zielpersonen ansprechen oder zur Kontaktaufnahme veranlassen kann, online wie offline. Er gibt sich als Bank, Behörde oder Hilfsorganisation aus, imitiert Freunde oder Familienangehörige oder tritt als Anlageberater oder technischer Support auf. Damit der Erstkontakt passend, aktuell, persönlich und notwendig wirkt, sucht er gezielt nach situativen und kontextuellen Verwundbarkeiten. Das Handbuch nennt: Vertrauen in Institutionen, laufende Krisen wie Naturkatastrophen, Pandemien oder Finanzkrisen, Lücken in der digitalen Kompetenz sowie emotionale Belastungen wie Einsamkeit, frühere Betrugserfahrung, Trauerfall, Arbeitsplatzverlust oder finanzielle Notlage.

Der Punkt "frühere Betrugserfahrung" verbindet sich unmittelbar mit III.20: Wer einmal geschädigt wurde, ist in der Annäherungsphase des nächsten Betrugs verwundbarer.

Als Kommunikationsansätze nennt das Handbuch für diese Phase unter anderem: klare Hinweise auf Schutzmaßnahmen, eine Übersicht kritischer Warnzeichen und die Pflicht von Institutionen, Betroffene von Datenabflüssen aktiv zu informieren.

Quelle: UNODC-Handbuch 2026, Kapitel II, Tabelle 2, S. 15.

Phase 2: Täuschung

Der Täter manipuliert die Interaktion und bereitet die Person auf die spätere Forderung vor. Das Handbuch benennt als Techniken den Aufbau von Vertrautheit, das Ausnutzen von Autorität, das Erzeugen von Angst oder Dringlichkeit und das Ausnutzen von Empathie. Dieser Prozess kann Stunden dauern oder Jahre, je nach Betrugsform. Beziehungs- und Anlagebetrug arbeiten mit langem Aufbau, während Betrug durch Identitätsvortäuschung auf kurzfristigen Druck setzt.

Ein Satz des Handbuchs verdient besondere Beachtung, weil er die verbreitete Vorstellung vom übertölpelten Opfer korrigiert: Die Betroffenen werden dahin gebracht, die Lage für echt und ihre Beteiligung für notwendig oder vorteilhaft zu halten. Viele fühlen sich in dieser Phase gestärkt, nicht genötigt.

Als Kommunikationsansätze nennt das Handbuch: Aufklärung über die Manipulationstechniken selbst, Aufbau von Gruppen, in denen Betroffene Erfahrungen austauschen, Stärkung emotionaler Kompetenz, Ermutigung zum offenen Gespräch mit Angehörigen als Schutzmaßnahme sowie Aufforderung zur Verifikation von Absendern und vorbeugende Hinweise auf sozialen Netzwerken und Dating-Plattformen.

Der Punkt zum offenen Gespräch ist der wirksamste und zugleich der, den die Täter am gezieltesten angreifen. Isolation von Angehörigen ist bei Pig Butchering Standardbestandteil des Skripts.

Quelle: UNODC-Handbuch 2026, Kapitel II, S. 17, Tabelle 3.

Phase 3: Transaktion

Die geschädigte Person überträgt Vermögenswerte, gibt sensible Informationen preis oder gibt Zahlungen frei, in dem Glauben, der Vorgang sei rechtmäßig, dringend oder schützend. Als Verwundbarkeiten nennt das Handbuch das erzeugte Dringlichkeitsgefühl und den Anschein von Rechtmäßigkeit.

Dies ist die einzige Phase, in der ein Dritter noch eingreifen kann. In Deutschland ist dieser Dritte meist eine Bank oder eine Kryptobörse (siehe II.12 zur Opferseite des On-Ramp).

Als Ansätze nennt das Handbuch zeitnahe Hinweise am Geldautomaten oder im Online-Banking sowie festgelegte Verfahren, mit denen Zahlungsdienstleister auffällige Transaktionen anhalten und prüfen.

Zwei Instrumente hebt das Handbuch als Beispiele hervor. Erstens den Abgleich des Empfängernamens mit der Kontonummer: Täter veranlassen Kunden zu Überweisungen an Mule-Konten (III.7, III.8), wobei die Kunden nur die Kontonummer erhalten, nicht den Namen des Inhabers. Ein Namensabgleich schließt diese Lücke; das Handbuch verweist auf einen deutlichen Rückgang von Betrugsfällen in den Niederlanden nach Einführung. Zweitens die britische Erstattungspflicht bei autorisierten Zahlungen (I.34), die nach Darstellung des Handbuchs die Betroffenen entlastet und zugleich die Zahlungsdienstleister zwingt, Zwang und Manipulation als Wesensmerkmale des Betrugs anzuerkennen und ihre Schutzmaßnahmen zu verstärken.

Quelle: UNODC-Handbuch 2026, Kapitel II, S. 18, Tabelle 4 und Praxiskästen S. 18 f.

Phase 4: Nach der Tat

Die Phase betrifft die finanzielle und emotionale Erholung. Das Handbuch bezeichnet sie als entscheidenden Zeitpunkt für Kommunikation, die eine Wiederholung verhindert, und nennt zwei Gründe für die erhöhte Gefährdung: Bestimmte Muster wie der Recovery Scam (I.7) nutzen gezielt die Lage aus, in der sich Betroffene befinden, und persönliche Daten werden verkauft oder weitergegeben, sodass weitere Täter gezielt zugreifen können (III.19).

Als Verwundbarkeiten nennt das Handbuch Scham und das Gefühl fehlender Handlungsfähigkeit sowie fehlendes Vertrauen in Institutionen. Als Ansätze: Ermutigung zur Anzeige über einen traumasensiblen Zugang, Vermittlung von Handlungsfähigkeit über den Gedanken, durch die Anzeige andere zu schützen, Vermeidung von Scham und Schuldzuweisung in medialer Darstellung sowie regelmäßige Rückmeldungen an Betroffene zum Stand ihres Falls, einschließlich der Information, wozu ihre Angaben verwendet werden.

Das Handbuch definiert den traumasensiblen Zugang als Ansatz, der die weitreichende Wirkung von Traumatisierung anerkennt, dieses Wissen in Verfahren einbezieht und aktiv verhindert, dass Betroffene erneut traumatisiert werden.

Bemerkenswert für die deutsche Praxis ist eine organisatorische Empfehlung: Stellen, die Betrugsanzeigen entgegennehmen und erfassen, also Banken, Strafverfolgungsbehörden und Opferhilfeeinrichtungen, sollen eigene Ersthelfer für Betrugsfälle benennen und schulen. Deren Aufgabe ist es, die psychische Sicherheit der Betroffenen zu schützen und den sekundären Schaden zu verringern, der aus unzureichenden oder abweisenden Reaktionen amtlicher Stellen entstehen kann.

Quelle: UNODC-Handbuch 2026, Kapitel II, S. 19 f., Tabelle 5 und Praxiskästen.

Hinweis. Dieser Text ist eine Fachdarstellung auf Grundlage des UNODC-Handbuchs 2026 und ersetzt keine Beratung im Einzelfall. Wer von einem Betrug betroffen ist, wendet sich an die Polizei und an anerkannte Opferhilfeeinrichtungen wie den WEISSEN RING.
Diesen Abschnitt zitieren

Kremp, Tobias: Typologien digitaler Finanzkriminalität. Ein Nachschlagewerk. Fassung 2.1, Stand September 2026, Eintrag B.3. Online: https://digitale-enteignung.de/geschaedigte/betrugskette

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Typologien digitaler Finanzkriminalität. Ein Nachschlagewerk. Fünf Kapitel, 220 amtliche Quellen, jeder Begriff mit Definition, Erscheinungsform, Erkennungsmerkmalen, Abgrenzung und Quelle. Als durchsuchbare digitale Ausgabe und als PDF.
Redaktionsstand 05.09.2026 · Fassung 2.1
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