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Zwangsarbeit in Scam Compounds (Trafficked Worker)

III.3 · Kapitel III · Akteure und Strukturen

Von , Blockchain-Analyst und Fachautor · Eintrag III.3 aus dem Nachschlagewerk, Fassung 2.1 · Redaktionsstand 05.09.2026

Begriff und Synonyme

Trafficked Worker, getraffickter Arbeiter, Zwangsarbeiter im Compound. In der Fachdiskussion: Trafficking into Forced Criminality, Zwang zur Kriminalität. Dual Victim, Doppelopfer.

Definition

Person, die durch Täuschung, Zwang oder Verkauf in einen Scam Compound gebracht wurde und dort unter Androhung von Gewalt Betrug ausführen muss. Sie ist Opfer von Menschenhandel und zugleich Tatbeteiligte am Betrug, den sie ausführt. Beides gleichzeitig.

Erscheinungsform in der Praxis

Die Anwerbung läuft über Jobanzeigen für Kundendienst, Übersetzung, IT oder Marketing mit hohem Gehalt in Thailand, Kambodscha oder Dubai. Bewerber reisen auf Kosten des Arbeitgebers an, werden am Flughafen abgeholt und über die Grenze gebracht. Im Compound werden Pässe eingezogen. Die Reise- und Unterkunftskosten werden als Schulden verbucht. Betroffen sind Menschen aus rund achtzig Ländern, überwiegend aus Südostasien, China, Südasien und Afrika, zunehmend auch aus Osteuropa und Lateinamerika. Viele haben Hochschulabschlüsse und Sprachkenntnisse, weil die Arbeit sie erfordert.

Die Behandlung reicht von Lohnarbeit unter Druck bis zu Folter. Dokumentiert sind Schläge, Elektroschocks, Isolation, Verkauf an andere Compounds und sexuelle Gewalt. Wer nach der Befreiung nach Hause kommt, ist oft in doppelter Weise belastet: als Opfer und als Person, die an Betrug mitgewirkt hat. Nach Berichten von Nichtregierungsorganisationen und Presse sind zurückgekehrte Arbeiter in einzelnen Staaten strafrechtlich verfolgt worden.

Die rechtliche Einordnung ist international uneinheitlich. Das Palermo-Protokoll und die EU-Richtlinie gegen Menschenhandel sehen vor, dass Opfer von Menschenhandel für Straftaten, zu denen sie gezwungen wurden, nicht bestraft werden sollen (Non-Punishment-Prinzip). Die Umsetzung schwankt.

Erkennungsmerkmale

Deutscher Bezug

Das Non-Punishment-Prinzip der EU-Richtlinie 2011/36/EU ist in Deutschland in §154c Abs. 2 StPO angelegt: Zeigt das Opfer eines Menschenhandels die Tat an und wird dadurch ein von ihm begangenes Vergehen bekannt, kann die Staatsanwaltschaft von dessen Verfolgung absehen. Die Vorschrift ist eine Ermessensregel, kein Verbot der Verfolgung, und sie setzt eine Anzeige durch das Opfer voraus.

Abgrenzung

Zum Täter im Compound: Nicht alle Arbeiter sind getrafficked. Ein Teil arbeitet freiwillig gegen Gehalt und Provision und steigt in der Hierarchie auf. Die Grenze ist im Einzelfall schwer zu ziehen. Zum Recruiter (III.4): Der Recruiter ist der Täter des Menschenhandels, der Trafficked Worker sein Opfer. Zum Money Mule (III.8): Beide sind Personen, die für Täter arbeiten, ohne die Struktur zu kontrollieren. Der Mule handelt aus Unwissen oder Leichtfertigkeit, der Trafficked Worker unter Zwang.

Quelle

  1. OHCHR, Online Scam Operations and Trafficking into Forced Criminality in Southeast Asia: Recommendations for a Human Rights Response (25.08.2023), S. 7 ff.
  2. INTERPOL, Global Financial Fraud Threat Assessment, Second Edition (März 2026), S. 15 f. (Dual-Victim-Modell, nahezu 80 Nationalitäten)
  3. UNODC, UNODC and the EU warn of rising human trafficking for criminal activities in scam centres (Pressemitteilung, Juli 2026)
  4. INTERPOL, Operation Storm Makers (Pressemitteilung 09.05.2022) und Storm Makers II (Dezember 2023)
  5. Richtlinie 2011/36/EU, Art. 8 (Verzicht auf Strafverfolgung der Opfer)
  6. Protokoll zur Verhütung, Bekämpfung und Bestrafung des Menschenhandels (Palermo-Protokoll), UN-Generalversammlung, Resolution 55/25 (15.11.2000)
  7. § 154c Abs. 2 StPO (Absehen von der Verfolgung des Opfers eines Menschenhandels)
Diesen Eintrag zitieren

Kremp, Tobias: Typologien digitaler Finanzkriminalität. Ein Nachschlagewerk. Fassung 2.1, Stand September 2026, Eintrag III.3. Online: https://digitale-enteignung.de/glossar/zwangsarbeit-compounds

Fragen zu diesem Begriff

Was ist Zwangsarbeit in Scam Compounds?

Person, die durch Täuschung, Zwang oder Verkauf in einen Scam Compound gebracht wurde und dort unter Androhung von Gewalt Betrug ausführen muss. Sie ist Opfer von Menschenhandel und zugleich Tatbeteiligte am Betrug, den sie ausführt. Beides gleichzeitig.

Woran erkennt man Zwangsarbeit in Scam Compounds?

Für Ermittler, die Täterkommunikation auswerten: Hinweise auf Zwang, Bitten um Hilfe, Wechsel der Person hinter einem Profil; Für Grenz- und Konsularbehörden: Reisende mit Jobangebot in Grenzregionen, eingezogene Pässe, Kontaktabbruch nach Ankunft; Für Angehörige: Nachrichten mit Bitte um Geld für "Freikauf".

Wovon ist Zwangsarbeit in Scam Compounds abzugrenzen?

Zum Täter im Compound: Nicht alle Arbeiter sind getrafficked. Ein Teil arbeitet freiwillig gegen Gehalt und Provision und steigt in der Hierarchie auf. Die Grenze ist im Einzelfall schwer zu ziehen. Zum Recruiter (III.4): Der Recruiter ist der Täter des Menschenhandels, der Trafficked Worker sein Opfer. Zum Money Mule (III.8): Beide sind Personen, die für Täter arbeiten, ohne die Struktur zu kontrollieren. Der Mule handelt aus Unwissen oder Leichtfertigkeit, der Trafficked Worker unter Zwang.

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