Am 24. Juni zog Binance seinen EU-Lizenzantrag in Griechenland zurück.1 Die größte Krypto-Börse der Welt. Ab dem 1. Juli kein zugelassener Anbieter mehr im Europäischen Wirtschaftsraum. Das ist eine Zäsur, die mitten durch den Markt verläuft.
01 | Was am 1. Juli wirklich passiert
MiCA gilt für Krypto-Dienstleister seit dem 30. Dezember 2024. Was jetzt endet, ist die nationale Übergangsfrist, das sogenannte „Grandfathering", mit dem die Mitgliedstaaten Bestandsanbietern Zeit gaben, sich regulär zuzulassen.
Die ESMA bestätigte im Juni das Ende der Übergangsfrist zum 1. Juli. Nicht zugelassene Anbieter müssen ihr Geschäft geordnet abwickeln.2
Die Logik ist simpel. Ab dem 1. Juli gilt: ohne CASP-Zulassung oder Anzeige nach Artikel 60 kein legaler Dienst für EU-Kunden. Wer ohne Lizenz weitermacht, handelt ab diesem Tag illegal.
Stand 18. Juni: 204 zugelassene Anbieter im ESMA-Register.3 Gemessen an der Zahl der Firmen, die vor MiCA unter nationalen Registern Krypto-Dienste anboten, ist das eine harte Auslese. Die große Mehrheit der alten Branche hat den Sprung nicht geschafft oder ihn gar nicht erst versucht. Im Klartext: eine Marktbereinigung per Stichtag.
02 | Was eine Lizenz bedeutet
Eine CASP-Zulassung ist nichts, das man sich einfach kauft. Sie verlangt Mindestkapital, getrennte Verwahrung von Kundengeldern, eine geordnete Governance, Beschwerdeverfahren, Regeln gegen Marktmissbrauch. Und sie kommt mit laufender Aufsicht durch die nationale Behörde. Wer in einem Mitgliedstaat zugelassen ist, darf seine Dienste über den „EU-Pass" im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum anbieten. Eine Lizenz, dreißig Märkte. Das ist der Hebel, um den hier gekämpft wird. Eine Lizenz ist ein Mindeststandard. Sie sagt, dass ein Anbieter die Eintrittsregeln erfüllt. Sie sagt nichts darüber, ob seine Transaktionsüberwachung morgen einen Pig-Butchering-Geldfluss erkennt, einen Mule-Account einfriert oder eine Verdachtsmeldung auslöst. Aufsicht ist ein laufender Prozess.
03 | Die Karte der Zugelassenen
Die großen Namen haben sich ihre Heimathäfen gesucht. Coinbase in Luxemburg. Kraken in Irland. Bitpanda in Österreich. Bitvavo in den Niederlanden. Dazu ein dichtes Cluster auf Malta: OKX, Crypto(.)com, Gemini, Gate, Blockchain(.)com.4 Die Wahl ist selten Zufall. Sie folgt Tempo, Erfahrung und Auslegung der jeweiligen Aufsicht. Malta war früh und schnell; genau dafür steht die dortige Aufsicht inzwischen unter Beobachtung. Dazu unten mehr. Leiser, aber strategisch bedeutsamer: die deutsche Welle. Rund 57 Einträge laufen über die BaFin. Commerzbank, DZ Bank, DekaBank, Trade Republic, N26.5
Viele davon sind Banken und Broker, die Krypto als ohnehin beaufsichtigte Institute über eine Notifizierung anbieten. Das erklärt die hohe deutsche Zahl. Und es erklärt etwas Größeres: Krypto wandert in den regulierten Bankenkern. Der Sparkassen- und Genossenschaftssektor zieht nach. Das ist die eigentliche Nachricht hinter der Liste. Und der Markt ist europäischer, als die Binance-Erzählung glauben macht. Im EUR-Spot-Handel hält Bitvavo rund 44 Prozent, Kraken 20, Coinbase 13.6 Drei Häuser, über drei Viertel des in Euro abgewickelten Handels.
04 | Die Lücke: wer draußen bleibt
Binance.1 Tether. MEXC.7 HTX. Bitget. Binance zog den griechischen Antrag vor einer Entscheidung zurück; laut Medienberichten prüften die Aufseher Compliance-Vorgeschichte und Konzernstruktur. Gründer Changpeng Zhao, 2024 in den USA wegen eines Verstoßes gegen den Bank Secrecy Act verurteilt, wurde im Oktober 2025 begnadigt. Laut Financial Times will Binance die Zulassung nach dem Stichtag in Frankreich beantragen; das Unternehmen selbst nannte kein Land.1 Bei Tether ist es eine bewusste Entscheidung: Einen MiCA-Antrag hat das Unternehmen nicht gestellt. Die Reserve- und Aufsichtspflichten passen nicht ins Geschäftsmodell; mehrere zugelassene Börsen haben USDT für den EWR bereits ausgelistet.8 Das ist der am meisten unterschätzte Vorgang der vergangenen Monate. USDT ist der wichtigste Settlement-Coin der industriellen Krypto-Geldwäsche. Verliert dieser Coin seine regulierten Zugänge in Europa, verschwindet er keinesfalls einfach. Er wechselt den Kanal. MEXC, HTX und Bitget hatten zum Stichtag ebenfalls keine Zulassung; zu MEXC gibt es eine öffentliche Warnung der niederländischen AFM,7 Bitget hat einen Antrag laufen. Ob und wie Anbieter ohne Zulassung Kunden im EWR weiter erreichen, lässt sich aus dem Register nicht ablesen.
05 | Die neue Manipulationsfläche
Jede regulatorische Linie ist auch eine Angriffsfläche. Genau hier wird der Stichtag zum Thema für diesen Newsletter.
- „MiCA-lizenziert" wird zum neuen Vertrauenssiegel. Und alles, was Vertrauen signalisiert, wird gefälscht. Zu erwarten sind geklonte „lizenzierte" Börsen, erfundene Registereinträge und frei erfundene Lizenznummern in Hochglanz-Onboardings.
- Recovery Scams. Hunderttausende Nutzer von Plattformen, die sich gerade zurückziehen, sind verunsichert. Verunsicherung ist der Rohstoff der Täter. Der „Support-Mitarbeiter", der bei der „Migration Ihrer Guthaben" hilft, steht schon bereit.
- die härtere Geschichte: Illegale Ströme wandern an den Rand. Offshore-Börsen, P2P-Märkte, OTC-Desks, DEX, Self-Custody. Dorthin, wo keine Aufsichtsbehörde mehr eine Warnung herausgeben kann und wo der Travel-Rule-Datensatz endet.
Der Perimeter ist schärfer geworden. Kriminalität sucht sich den Weg außen herum, und dieser Weg ist schwerer einzusehen als der durch die Vordertür. Dahinter steht, wie immer, das doppelte Opfer: der betrogene Anleger hier; der verschleppte Compound-Arbeiter in Südostasien dort. Dieselben USDT-Schienen tragen beides. Wer nur auf die Lizenztabelle schaut, sieht keinen von beiden.
06 | Meine Einschätzung
Vier Punkte, die ich für entscheidend halte:
- Eine Lizenz ist ein Fundament. Die eigentliche Arbeit beginnt erst nach der Zulassung: Transaktionsmonitoring, Travel Rule, Asset Freezes. Wer „MiCA-lizenziert" automatisch mit „sicher" übersetzt, hat den Mechanismus nicht verstanden. Und genau diese Übersetzung werden Täter ausnutzen.
- Das eigentliche Ereignis liegt tiefer: Zugelassene Börsen nahmen USDT für den EWR ab Ende 2024 aus dem Handel, mit dem Stichtag fallen nun auch die letzten Übergangszugänge weg. Der Exit einer Börse verschiebt Volumen. Das Wegbrechen regulierter Stablecoin-Ramps verschiebt die Architektur der Geldwäsche. Das Zweite ist eine strukturelle Verschiebung, die Aufsicht und Ermittlung über Jahre beschäftigen wird.
- Ich schaue auf Malta. Tempo der Zulassung und Tiefe der Aufsicht sind zweierlei. Die ESMA hat die Zulassungspraxis bereits in einem Peer Review hinterfragt.9 Wo ein Pass für dreißig Märkte gilt, ist die schwächste Aufsicht die Eintrittstür für den ganzen Binnenmarkt.
- Viertens, und das ist mein eigentlicher Punkt: MiCA macht den legalen Markt vertrauenswürdiger und den illegalen Markt offshore-lastiger. Beides zugleich. Die Branche wird vertrauenswürdiger wirken, während die illegalen Ströme schwerer zu sehen sein werden. Für Ermittlung und Prävention entsteht damit eine anspruchsvollere Lage.
Der 1. Juli 2026 markiert den Beginn der eigentlichen Arbeit.
Tobias Kremp schreibt als unabhängiger Fachautor (Art. 5 GG). Seine Beiträge geben seine persönliche Einschätzung wieder und stellen keine offiziellen behördlichen Stellungnahmen dar.
Abgleich mit den Primärquellen: Den Rückzug in Griechenland datiert die Seite jetzt auf den 24. Juni. Die ESMA-Erklärung bestätigt das Ende der Übergangsfrist; die Auslistung von USDT für den EWR begann Ende 2024. Angaben zu Frankreich und zu den Bedenken der Aufsicht sind als Medienberichte gekennzeichnet. Titel der ESMA-Erklärung und Datum der AFM-Warnung entsprechen den Quellen.
Frühere Fassungen schrieben, der erste Anlauf von Binance sei an der Eignungsprüfung gescheitert. Binance zog den Antrag vor einer Entscheidung zurück; über Bedenken der Aufsicht berichten Medien. Ergänzt ist die Begnadigung von Changpeng Zhao im Oktober 2025. Rechtsgrundlage des Registers ist Art. 109 MiCA.
